Seelischer Beistand für Kranke/Begleiter

Pflegen und sich pflegen lassen – beides kann sehr anstrengend und belastend sein. Oft ist der Austausch untereinander über die schwierige Situation kaum möglich.

  • Mit wem können wir über das sprechen, was uns bewegt?
  • Wie gehen wir mit eigener und fremder Überforderung um?
  • Sind wir fähig und bereit, uns helfen zu lassen?
  • Wie sorgen wir dafür, bei Kräften zu bleiben?
  • Was bedeuten Spiritualität und Seelsorge für uns?

Wie wir miteinander reden können

Im Verlauf einer schweren Erkrankung und in der Endphase eines Sterbeprozesses kann die Verständigung mit Sterbenden zunehmend schwierig werden. Ihnen fehlen aufgrund zunehmender Schwachheit die Worte für das, was sie bewegt und was sie mitteilen möchten. Es kann auch sein, dass sie sich immer mehr in sich zurückziehen und die verbale Kommunikation nur noch sehr spärlich oder gar nicht mehr stattfindet. So stellt sich für sie und ihre Begleiter die Aufgabe, sich jeden Tag neu auf geeignete Formen der Verständigung und des Miteinanders einstellen zu müssen.

Besonders schwierig wird die Situation, wenn Symptome auftreten, die auf einen zunehmenden Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit hindeuten. Aufgrund von Störungen des Denkens, des Erinnerungs- und des Orientierungsvermögens können dann verschiedene Formen von Verwirrtheit auftreten (zeitlich, räumlich, personen- oder situationsbezogen). Viele reagieren auf dieses Erleben mit Angst und Aggression, mit Beschämung oder Niedergeschlagenheit.

Die Angehörigen stehen hier vor der großen Herausforderung, den wesensveränderten Kranken täglich neu kennenlernen und sich auf ihn immer wieder neu einstellen zu müssen. Eine besonders belastende Situation ist gegeben, wenn ein Patient an einem schwerwiegenden Symptom leidet und dann auch noch dement wird. An Demenz erkrankte Menschen büßen zwar ihr Erinnerungs- und Denkvermögen zunehmend ein, ihre Erlebnisfähigkeit und ihr Gefühlsleben bleiben aber bis zuletzt erhalten.

Zur häuslichen Betreuung von an Demenz erkrankten Menschen gibt es inzwischen gute Ratgeber, so z. B. die Broschüre des Bundesministeriums für Gesundheit „Ratgeber Demenz" (www.bundesgesundheitsministerium.de).

Eine Basistugend der Begleitung besteht darin, dass wir als Angehörige und Begleitende dem Schwerkranken bis zuletzt das Recht einräumen und signalisieren, selbst zu entscheiden, mit wem er wann über was sprechen möchte. Einfach in Stille bei ihm zu sein mit empathischer Aufmerksamkeit, ist dann oft das Beste, was wir tun können.

Wichtiger als Worte können in dieser Phase liebevolle Gesten sein, die unsere Zuneigung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen und Verständnis für die wechselnden Gefühlsregungen und Bedürfnisse des Kranken signalisieren. Dazu gehört dann z. B. auch:

  • Zu akzeptieren, wenn der Kranke den Wunsch äußert, möglichst bald sterben zu können, oder umgekehrt, doch noch eine nicht erfolgversprechende Therapie zu erhalten
  • Verständnis zu zeigen für seinen oft nur vage angedeuteten Wunsch, sich zurückzuziehen und alleine zu sein
  • Offen und bereit zu sein, sich selbst zurückzunehmen und auch anderen Ansprechpersonen seiner Wahl Raum zu geben
  • Ängste, Wut, Hadern, Unduldsamkeit, auch Vorwürfe und Klage zu ertragen und mit dem Schwerkranken gemeinsam auszuhalten
  • Ihm in Worten oder Gesten zu zeigen, wie gern ich ihn habe und wie bedeutsam es bei aller Herausforderung für mich ist, diesen Weg nun gemeinsam zu gehen

Wie sprechen schwerkranke Menschen über ihr bevorstehendes Sterben?

Es ist nicht immer der Fall, dass Sterbende direkt von ihrem Sterben sprechen oder gar eine Art Lebensbeichte am Ende ihres Lebens ablegen. Wohl aber haben sie in der Regel das Bedürfnis, hier und da noch einmal Ereignisse und Begebenheiten aus ihrem Leben ins Gespräch zu bringen, die ihnen gerade sehr nahe sind. Was hier erzählt werden will, hat oft über das Alltägliche hinaus eine tiefere Bedeutung. Es ist ein Symbol für das, was im Leben dieses Menschen wichtig war und seine Identität mitgeprägt hat.

Für die Begleitenden ist es wichtig, dafür ein offenes Ohr zu haben, dem Sterbenden viel Raum für sein Erzählen zu lassen, seine Äußerungen möglichst nicht mit eigenen Beiträgen und Deutungen zu unterbrechen und einfach nur mitgehend und interessiert zuzuhören.

Wenn Sprache als Medium der Verständigung ausfällt: Es gibt auch Situationen der Sprachlosigkeit am Kranken- und Sterbebett – oft dann, wenn für beide Seiten die Unausweichlichkeit des Todes spürbar und die existenzielle Bedrängnis besonders groß wird. Fast alle Sterbenden spüren jedoch im Lauf der Zeit, wie es wirklich um sie steht. Solche unverstellte Empathie besteht z. B. darin:

  • Sich und dem Sterbenden zu erlauben, nichts mehr tun zu müssen, was dem unvermeidlichen Sterben Einhalt gebietet
  • Auf floskelhafte Ausflüchte zu verzichten, stattdessen jetzt immer mehr Gesten der Zuwendung statt Worte sprechen zu lassen
  • Dem Sterbenden zu signalisieren, dass er gehen darf und man bis zuletzt an seiner Seite bleiben und ihm beistehen möchte

Grundsätzlich gilt: Das, was am Bett eines schwerstkranken Menschen gesagt wird, muss wahr sein; aber nicht alles, was wahr ist, muss auch gesagt werden. Genauso wichtig wie Worte können in solchen Situationen Gesten der Verbundenheit und angemessene Formen körperlicher Nähe und Berührung sein. Das Gehör ist das Sinnesorgan, das bei Sterbenden oft bis zuletzt intakt ist. Zum Feingefühl gehört deshalb auch unbedingt, dass man in Gegenwart eines Sterbenden nicht mit Dritten über seinen Krankheitszustand, über persönliche Dinge oder gar über die „Zeit danach" spricht.

Wie Sie selbst bei Kräften bleiben

Wenn Sie einen Menschen zu Hause pflegen oder dabei mithelfen, so brauchen Sie dafür viel Ausdauer und Resilienz. Sie werden dabei nicht nur körperlich stark beansprucht sein, sondern auch seelisch. Es ist daher wichtig, dass Sie sich in der Pflege und Begleitung nicht völlig verausgaben, dass Sie auch für sich selbst sorgen und Menschen um sich haben bzw. ansprechen, die Ihnen Hilfe und Unterstützung geben können.

Nehmen Sie sich daher bewusst kleine und wenn möglich auch mal größere Auszeiten, in denen Sie Möglichkeiten finden zu regenerieren. Am besten ist es, dafür an jedem Morgen für diesen Tag feste Zeiten einzuplanen. Ein täglicher Spaziergang in der Natur, ein paar Seiten in einem Buch, ein Musikstück, Arbeit im Garten, das Malen eines Bildes, ein Gebet oder eine Meditation, ein Mittagsschlaf, eine gute Tasse Kaffee oder Tee mit einem vertrauten Menschen – es gibt unzählige Möglichkeiten.

Ebenso besteht die Gefahr, dass das Übergehen der eigenen Grenzen und Bedürfnisse dann zu einer großen Belastung und Anspannung in der Begleitung führt. Viele Kranke und Sterbende spüren das und geraten dadurch zusätzlich in Anspannung und große Not, weil sie dann den Eindruck gewinnen, eine unerträgliche Last zu sein. Sie tun also nicht nur sich, sondern vor allem auch dem Sterbenden einen großen Gefallen, wenn Sie achtsam mit Ihren Kräften umgehen.

Es kann auch helfen, z. B. ein Tagebuch zu führen oder einen täglichen telefonischen Gesprächspartner zu haben, bestimmte kleine Aufgaben, wie Einkaufen oder Rasenmähen, über einen bestimmten Zeitraum an jemanden zu delegieren. Dadurch bleibt man auch im Kontakt mit der Außenwelt und schützt sich vor schleichender Vereinsamung.

So ist es bei einer längeren Pflege auch ratsam, sich auch nachts Entlastung zu verschaffen. Vielleicht kann jemand aus Ihrem Verwandten- oder Freundeskreis ab und zu eine Nachtwache übernehmen, sodass Sie einmal eine Nacht durchschlafen können.

Wie ehrenamtliche Hospizbegleitung unterstützt

Der Schwerpunkt der Tätigkeit der ehrenamtlichen Hospizbegleiter liegt in der Begleitung von Patienten und ihren Familien im Alltag, also im psychosozialen Bereich. Hospizbegleiter hören den Patienten zu, leisten emotionale Unterstützung, erledigen kleine Alltagsgeschäfte, tauschen sich über gemeinsame Hobbys aus, lesen vor, begleiten bei Spaziergängen und – wenn noch möglich – zu Veranstaltungen. Sie stellen so eine Verbindung zum gesellschaftlichen Leben und zur Außenwelt her. Sie geben der Lebensgeschichte und den Erfahrungen des Patienten Raum in der Begleitung. Sie lassen sich auf Gespräche über Krankheit, Sterben und Tod ein.

Wenn die Hospizbegleiter Sie als Angehörige durch ihre Besuche beim Sterbenden entlasten, können Sie sich Dingen zuwenden, die für Sie selbst wichtig sind, die Ihrer Erholung dienen oder dringend erledigt werden müssen. Die ehrenamtlichen Hospizbegleiter begleiten immer nur eine Familie und sind dabei im engen Kontakt mit der zuständigen Hospizfachkraft. Auch während der Trauerfeier und in der ersten Zeit der Trauer nach dem Tod des Patienten steht der Hospizbegleiter den Angehörigen bei, wenn sie dies wünschen.

Die ehrenamtlichen Hospizbegleiter werden sorgfältig und intensiv auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Sie unterliegen in allem, was sie erleben und ihnen zu Ohren kommt, absoluter Schweigepflicht.

Wie spiritueller Beistand aussehen kann

Schwerkranke Menschen und ihre Angehörigen brauchen neben medizinisch-pflegerischer, sozialer und psychologischer Betreuung und Unterstützung oft auch spirituellen Beistand. Er kann ihnen helfen, diesen Weg schwerer Erkrankung und dann des Sterbens als einen Weg zu erleben, auf dem bei allem Schweren und Leidvollen auch noch Sinnvolles und Bereicherndes erfahren werden kann.

Die spirituelle Begleitung geht davon aus, dass jeder Mensch – auch nicht religiöse Menschen – eine Sinnorientierung hat. Unsere Erfahrungen in der spirituellen Begleitung von Schwerstkranken und Sterbenden zeigen: Wenn sie spüren, dass sie von diesem Leben Abschied nehmen müssen, sind ihnen vier Vergewisserungen besonders wichtig:

  1. Ich bin wer. Ich habe als Person und mit meiner Lebensgeschichte mit all ihren Höhen und Tiefen eine bleibende Bedeutung und Würde.
  2. Ich habe in meinem Leben etwas erreicht und geleistet, worauf ich stolz oder womit ich zumindest zufrieden sein darf.
  3. Ich bin nicht allein. Es gibt gerade jetzt Menschen, die sich um mich sorgen, die an mich denken oder auch für mich beten.
  4. Ich muss in meinem Leben die Dinge, die offenbleiben, nicht mehr lösen. Ich darf sie getrost dem Geheimnis des Lebens überlassen.

Spirituelle Begleitung bringt auch Verständnis und Güte für die dunklen Seiten des gelebten Lebens auf. Sie entlastet von dem Druck, noch alles Ungereimte geradebiegen zu müssen. Professionelle Seelsorge versteht sich auf vertiefte spirituelle Gesprächsführung und begleitet auch mit Ritualen und Gebeten, die den Sterbenden und seine Angehörigen in der Ausübung ihres Glaubens und ihrer Spiritualität vertieft unterstützen können, wenn dies von den Betroffenen gewünscht wird.